Warum BiM e.V. in Reutlingen?

BiM in Reutlingen
Seit März 2015 gibt es in der Stadt Reutlingen das Bildungszentrum in Migrantenhand e.V. Entstanden ist es als Reaktion auf die bundesweite Tendenz zur Vernetzung der Migrantenorganisationen.
BiM e.V. ist ein Verbund von bildungsorientierten Migrantenorganisationen in Reutlingen. Wir sind eine migrantische Organisation der neuen Generation, die die Idee der Vernetzung verschiedener Organisationen auf dem gemeinsamen Nenner „Teilhabe und Bildung“ vertritt. Im Gegensatz zu MOs der alten Generation geht es uns nicht ausschließlich um den Erhalt der eigenen Kultur, Bräuche und Sprache. Wir bauen auf gemeinsam geteilte Werte mit anderen Migrantenorganisationen und vernetzen uns aktiv, um diese zu lösen.

Die Entwicklung jedes einzelnes Verbund-Mitglieds ist Für BiM e.V. ein wichtiges Satzungsziel, denn die Erfahrung hat gezeigt, dass die Mitglieder ihre eigene kulturelle Identität, ihre Vereinsstrukturen und Wirkungsbereiche gut entwickelt und etabliert haben sollten, bevor sie sich zu gemeinschaftlichen Interessensvertretungs-Institutionen zusammenschließen.

BiM e.V. in Zahlen:
– Wir bieten jede Woche mehr als 200 Unterrichtseinheiten an (Muttersprachen, schulische Fächer, Kultur- und Kunstangebote).
– Wir organisieren eine gemeinschaftliche Raumnutzung für 15 überwiegend migrantische Selbstorganisationen.
– Wir verantworten 16 Projekte (davon ein landesweites und 2 bundesweite) mit den Schwerpunkten Bildung, Integration, Arbeit mit Geflüchteten. Diese Projekte werden von öffentlichen Geldern in Zusammenarbeit mit 6 Kooperationspartnern gefördert.
– Wir bearbeiten zurzeit drei Anfragen über Unterstützung bei der Gründung von neuen migrantischen Vereinen.
– Unsere gesamte Reichweite umfasst mehr als 3000 Personen.
Um diese Arbeit zuverlässig ausführen zu können, hat BiM e.V. sich die dafür notwendigen verlässlichen Verwaltungs- und Raumnutzungsstrukturen auf ehrenamtlicher Basis aufgebaut. Zu diesen gehören:
– Kontakte zu vielen migrantischen Gruppen,
– Eine funktionierende Vereins- und Projektverwaltung (von der Mitgliederverwaltung bis zur hausinternen Lohnbuchhaltung),
– Eine gemeinschaftliche Raumnutzung, soweit es in den vorhandenen Räumen ehrenamtlich zu organisieren möglich war.
Zum Amt für Integration und Gleichstellung der Stadt Reutlingen bestehen ebenfalls vielseitige Kontakte. Aus dieser Kooperation entsteht im Jahr 2020 zum achten Mal das jährliche Magazin [zammà] – Vielfalt in Reutlingen. Ein Magazin für Alle. Der dritte Kooperationspartner dieses langfristigen Projekts ist die Reportageschule in Reutlingen.
Unsere Kooperation mit der Stabsstelle Bürgerengagement Reutlingen zeichnet ein enger inhaltlicher Austausch und die zu beobachtenden Synergieeffekte durch die räumliche Nähe zum Begegnungs- und Integrationszentrum (BEGIZ) aus. Die Schwerpunkte dieser Zusammenarbeit liegen bei den Bildungs- und Freizeitangeboten für Frauen und Kinder aus geflüchteten Familien.
BiM e.V. kann auf kollektive Erfahrungen aus 15 Jahren selbstbestimmter Vereinsarbeit zurückgreifen. Diese Erfahrungen umfassen unter anderem zielorientierte Kommunikation und Zusammenarbeit mit anderen MSOs und eine reichliche Erfahrung im Umgang mit öffentlichen Geldern.
Folgende Erfahrungen sehen wir als eine gute Voraussetzung für das schnelle Durchstarten vom HoR:
– zwei europäische Elternbildungsprojekte ELAN 1 und ELAN 2 in Zusammenarbeit mit der BruderhausDiakonie Reutlingen (EIF, 2009 – 2015) – langjährige Erfahrung in Organisation gemeinsamer Veranstaltungen und Projekte
– Dialogissimo – Ein Kooperationsprojekt zwischen dem Jugendmigrationsdienst und der Migrantenorganisation dialog e.V. zur nachhaltigen Verankerung der bildungsorientierten Integrationsangebote des Vereins vor Ort (BAMF, 2010 – 2013)
– „Bildung für alle in Migrantenhand“ im Programm „Vielfalt gefällt! 60 Orte der Integration“ – Ein Programm der Baden-Württemberg Stiftung in Kooperation mit dem Ministerium für Integration Baden-Württemberg (2013 – 2015)
– Landesprogramm MeMO – Management & Empowerment in Migrantenorganisationen. Ein Qualifizierungsprogramm für Migrantenvereine in Baden-Württemberg (2014-2016) – lokale Koordinierungsstelle im landesweiten Projekt
– Projekt samo.fa – Stärkung aktiver Migrantenorganisationen in der Flüchtlingsarbeit (2016 – 2021), Projekt KIWiT – Kompetenzverbund Kulturelle Integration und Wissenstransfer – ein Projekt der Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM, 2017 – 2020) – Organisation einer lokalen Koordinierungsstelle im bundesweiten Projekt
– bundesweite Programme „Kultur Macht Stark“ und „Demokratie Leben“ (2013 – 2015, 2018, 2019) – Organisation und Durchführung von Projekten
Projekt KIWiT ermöglichte dem BiM e.V. einen Coaching-Prozess zwecks Erarbeitens von Qualitätsstandards für die gesamte Verbundarbeit.
Unsere langjährige Erfahrung mit ehrenamtlichen Arbeitsstrukturen (mit all seinen Vor- und Nachteilen) ermöglicht uns einen fundierten Einblick in mögliche strukturelle Probleme kleinerer Migrantenorganisationen. House of Resources würde zu einer Stabilisierung unserer eigenen Strukturen beitragen und die Nachhaltigkeit der Weiterführung der angestoßenen Prozesse nach Ende der Projektzeit sichern.

Alle oben genannten Erfahrungen und Überlebensstrategien machen BiM e.V. zu einem geeigneten Projektträger für House of Resources.

Standort Reutlingen
Großraum Reutlingen ist der richtige Ort für die Projektidee House of Resources, weil, der Anteil der Einwohner mit Migrationsgeschichte über 40 % liegt und unter den knapp 60 bekannten Migrantenselbstorganisationen nur etwa 20 im städtischen Leben präsent sind. Diese aktiven Migrantenselbstorganisationen und Initiativen haben nach mehreren Treffen mit dem Integrationsrat Reutlingen Bereitschaft für eine lockere Vernetzung mit dem Ziel von mehr Professionalisierung signalisiert. Außerdem sind die Stadt (ca. 120 000 Einwohner) und der Landkreis Reutlingen (280 000 Einwohner) überschaubar. Dies bietet eine Gelegenheit, die Ergebnisse und Fortschritte der Projektidee(n) beobachten und analysieren zu können.

Zwischen der Stadt und dem Landkreis Reutlingen bestehen spezielle politische Beziehungen, die für Reutlingen als Standort des Projekts HoR zu berücksichtigen sind. Im Juli 2015 hatte die Stadt Reutlingen einen Antrag auf Gründung eines Stadtkreises gestellt. Das Thema Auskreisung beeinflusste jahrelang die Verwaltungsstrukturen und sozialen Aktivitäten in der Umgebung. Bei der Vergabe der städtischen Projektmittel wurde z.B. immer darauf hingewiesen, dass diese nur für die Stadtbewohner zu verwenden sind. Viele Mitglieder der Reutlinger migrantischen Selbstorganisationen haben ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt Reutlingen, ihren Wohnsitz aber im Landkreis, weil die Mieten dort deutlich niedriger sind. Dadurch fühlen sich viele migrantische Gruppen nicht der Stadt per se zugehörig und sehen sich nicht in der Position, Projektgelder zu beantragen.

Nach der Ablehnung des Auskreisungs-Antrags durch den Landtag Baden-Württemberg im Dezember 2018 und der Zurückweisung der Beschwerde der Stadt Reutlingen seitens des Verfassungsgerichtshofs im Februar 2020 ist das Thema abgeschlossen. Aktuell wird das Zusammenleben der Stadt und des Landkreises neu geregelt. Das Projekt HoR könnte seinen Beitrag zu diesem Prozess durch eine verbesserte Vernetzung unter migrantischen Organisationen beitragen.

In den Migrantenselbstorganisationen aus Reutlingen und Umgebung findet man vielfältige kulturell bestimmte Lebens- und Denkweisen, eine hohe Motivation, kreative Köpfe, sowie vielfältiges Engagement. Gleichzeitig gibt es einen hohen Bedarf an räumlicher, fachlicher und organisatorischer Unterstützung. Viele aktuelle Schwierigkeiten könnten durch eine weitere Professionalisierung, eine Bündelung von Ressourcen, die Weiterentwicklung einer effizienteren Vernetzung und eine zielgerichtete Kommunikation aus dem Weg geräumt werden.
Es gibt vor Ort bereits einige Prozesse, die einer politisch motivierten gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirken:
– Die Initiierung eines Rats der Religionen,
– Die Weiterentwicklung der Konzeption für ein städtisches Projekt „Haus der Kulturen/Bürgerhaus in Reutlingen“,
– Die Fortschreibung der Integrations- und Kulturkonzepte der Stadt,
– „Interkulturelle Qualifizierung vor Ort“ – ein landesweites Qualifizierungsprogramm für Kultureinrichtungen und Kommunen zur interkulturellen Öffnung und diversitätsbewussten Entwicklung.
Die Projektidee House of Resources vervollständigt diese Prozesse an der entscheidenden Stelle – durch mehr Chancen und Sichtbarkein für das Potenzial der MSO. Es ist denkbar, dass House of Resources sich in der Zukunft zu einem Wirkungsbereich vom „Haus der Kulturen Reutlingen“ weiterentwickeln wird.

Wichtig zu erwähnen sind die zu erwartenden Vereinsgründungen der aktuell geflüchteten Menschen, die Unterstützung in vereinsrechtlichen Fragen und Einblick in vereinsdemokratische Werte der deutschen Vereinskultur brauchen werden.

Aus den oben genannten Gründen ist die finanzielle Unterstützung der Professionalisierung migrantischer Selbstorganisationen und migrantischer Communities eine lohnende Investition in die gemeinsame Zukunft einer modernen Gesamtgesellschaft in Reutlingen.

House of Resources bedeutet einen Mehrwert für Reutlingen und Umgebung, weil mit seiner Hilfe
– neue Gelegenheiten für partnerschaftliche Kontakte zwischen migrantischen und nicht-migrantischen Bildungseinrichtungen, Organisationen und Personen,
– eine Plattform zur Vernetzung unterschiedlicher migrantischer Communities unter sich,
– ein Ort für Selbstaktivierung und Selbstorganisation für mehrere Migrantenselbstorganisationen, sowie eine
– Unterstützung der Stadtverwaltung (z. B. durch den Austausch von Kontakten, Informationen und Kompetenzen, Arbeit mit Geflüchteten)
geschaffen werden.

Das Projekt setzt ein Zeichen der Wertschätzung für Menschen mit eigener Migrationsgeschichte.
Es kommt immer wieder vor, dass migrantischen Selbstorganisationen Medienpräsenz und eine professionelle Vereinsverwaltung fehlt, was unter anderem dazu führt, dass eine gebührende Anerkennung für die bestehende Qualität der Vereinsarbeit ausbleibt.
Dem gilt es etwas entgegenzusetzen.
Die Wertschätzung der Leistungen von erfolgreichen Bildungseinrichtungen in Migrantenhand ist ein erhoffter positiver Effekt des Projekts House of Resources.

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