Projekt »Interkulturelle Märchenreisen«: Abtauchen ins Reich der Fantasie

Projekt »Interkulturelle Märchenreisen«: Abtauchen ins Reich der Fantasie

Das Projekt »Interkulturelle Märchenreisen« bringt Kinder aus unterschiedlichen Kulturen zusammen

Von Andreas Dörr 06.03.2020 08:00

Die Jungen und Mädchen freuen sich aufs Märchen. Zuvor gibt es Informationen zum Land, aus dem die Geschichte stammt. FOTO: PRIVAT

REUTLINGEN. Märchen gehen immer. In jeder Sprache, in jeder Kultur, zu jeder Zeit. Noch schöner ist es, wenn gleich mehrere Kinder gemeinsam in Fantasiewelten abtauchen. Und richtig spannend wird’s, wenn die Kinder aus verschiedenen Ländern kommen, so wie an diesem Nachmittag in der Zweigstelle der Stadtbibliothek in Orschel-Hagen. Sechs Mädchen und vier Jungs sitzen auf orangefarbenen Hockern und Bänken und lauschen gespannt, war ihnen Gülnaz Weirich und Monika Hunze vorlesen. Die eine liest auf russisch, die andere auf deutsch. »Märchenreise 2020« nennt sich das Projekt, das bis Ende des Jahres noch 14 Mal freitags von 15.30 bis 17 Uhr in den Bibliothekszweigstellen in Betzingen, Orschel-Hagen, Rommelsbach und am Ende in der Hauptstelle über die Bühne geht.

Erste Veranstaltungen seit Beginn der Reihe im September des vergangenen Jahres fanden reichlich Resonanz. Etwa 200 Kinder ließen sich bislang von Märchen in den Bann schlagen. »Wir dachten schon lange an ein Projekt für fremdsprachige Kinder. So kam es zu der Idee mit den Märchenreisen«, sagt Stadtbibliotheksleiterin Beate Meinck. »Das Projekt hat voll bei uns eingeschlagen.«

Bei einem vom Verein Netzwerk Kultur Reutlingen initiierten und in Zusammenarbeit mit dem städtischen Kulturamt und dem Amt für Integration und Gleichstellung organisierten zweiteiligen Workshop im Februar des vergangenen Jahres stand ein Qualifizierungsprogramm im Mittelpunkt. Kultureinrichtungen und Kommunen übten sich in interkultureller Öffnung und diversitätsbewusster Entwicklung. Stadtbibliothek und der Verein Bildungszentrum in Migrantenhand (BiM) entwickelten bei diesem Workshop ein Konzept für zweisprachige Märchenreisen.

BiM ist ein bundesdeutscher Dachverband von bildungsorientierten Migrantenorganisationen in mehr als 30 Städten. In Reutlingen haben sich sechs Vereine, sieben Institutionen und etwa 20 Einzelpersonen zusammengeschlossen. Untergebracht ist der Verein in der Ringelbachstraße.

Ressourcen zusammenzuführen, um bessere Ergebnisse bei der Bildungsarbeit zu erreichen und die Lebensqualität der Migrantenfamilien in Reutlingen und Umgebung zu steigern, ist ein wesentliches Ziel von BiM. »Wir versuchen uns seit etwa zwei Jahren intensiver ins Kulturleben Reutlingens einzumischen«, sagt Galina Lerner von BiM.

Zielgruppe des Projektes sind Kinder mit Migrationshintergrund unter zehn Jahren. In Reutlingen sind das mehr als 6 200 Kinder. Das entspricht einem Migrationsanteil von 58 Prozent. Pro Märchenreise kommen zwischen 25 und 40 Kinder in die Zweigstellen, bislang etwa 200 insgesamt. Die zweisprachigen 90-minütigen Märchenreisen sollen Interesse wecken an anderen Kulturen. Es werden also keine deutschen Märchen ins Syrische oder Türkische übersetzt. Stattdessen werden russische, chinesische, vietnamesische oder türkische Geschichten in der Landessprache vorgelesen und ins Deutsche übersetzt.

»Die Kinder können Interkulturalität als natürlich und Zweisprachigkeit als Ressource wahrnehmen«, sagt Tanja Schleyerbach, in der Stadtbibliothek federführend zuständig für interkulturelle Bibliotheksarbeit. »Die Passagen sind relativ kurz und werden im Wechsel gelesen.«

Die Identität der Kinder wird durch die Muttersprache gestärkt und bietet eine gute Voraussetzung, um die deutsche Sprache und weitere Fremdsprachen zu lernen. Ein Nebeneffekt kann Sprachförderung für Kinder mit sprachlichen Defiziten sein. Weil das Angebot kostenlos ist, ist es niederschwellig.

Partner des Projektes ist das Theaterpädagogikzentrum Baden-Württemberg. Theaterpädagogik findet immer mehr Einsatz in gesellschaftlichen Bereichen, im soziokulturellen Feld über Inklusions- und Integrationsprojekte, bei Spracherwerb und Sprachförderung, in der Arbeit mit alten, auch mit kranken Menschen bis zu Unternehmens-Coaching.

»Theaterpädagogen, die beim Projekt Märchenreisen mitarbeiten, lesen die deutschen Übersetzungen vor«, sagt Monika Hunze, Diplom-Kulturpädagogin, Dramaturgin und Theaterpädagogin. Für das Vorlesen der Märchen in Originalsprache sind Vorleserinnen und Vorleser zuständig, die vom Verein Bildungszentrum in Migrantenhand kommen.

Die Vorleser erhalten ein Honorar, das über Sponsoren finanziert wird. Eine kleine Landeskunde mit Weltkarte mit aktivierenden theaterpädagogischen Elementen, Bewegung und Interaktion sowie spielerische Fragen zum Text, Rätsel oder verkleiden und singen gehören ebenfalls zum Programm.

Es sind aber nicht nur die Kinder, die von dem Projekt profitieren. Die Stadtbibliothek kann sich einmal mehr als Ort des Lernens profilieren, als Treffpunkt, wo Medienkompetenz großgeschrieben wird. Moderne Bibliotheken sind nicht mehr bloß Verwahrorte für Medien. 32 Jahre nach dem ersten kommerziellen E-Book – »Mona Lisa Overdrive« von William Gibson wurde 1988 auf Floppy Disk publiziert und war das erste elektronische Buch, das sich käuflich erwerben ließ – haben sich viele Bibliotheken neu ausgerichtet auf dem Weg in eine digitale Zukunft.

Bibliotheken sind Orte, die sich der Bildung verschrieben haben. Medien für Schule, Studium oder Beruf stehen zum Teil rund um die Uhr zur Verfügung. Bibliotheken spielen bei der Kultur- und Wissensvermittlung eine zunehmend wichtige Rolle – auch im Hinblick auf das Zusammenführen von Kulturen. »Wir machen sichtbar, dass Menschen aus andren Kulturen bei uns willkommen sind. Bei uns heißt es nicht ›Ihr‹ und ›Wir‹, sonder ›miteinander‹«, sagt Beate Meinck.

Die nächste Märchenreise führt am Freitag, 20. März, ab 15.30 Uhr in der Betzinger Stadtteilbibliothek in die Welt der kurdischen Märchen. Am 27. März sind dann in Rommelsbach arabische Geschichten zu hören. Eine Anmeldung zu den Veranstaltungen ist nicht erforderlich.

(GEA)