Mit der Kunst Barrieren abbauen

Transkulturelles Projekt für junge Migranten und Geflüchtete in der alten Paketpost

Von Andreas Dörr  28.02.2020 16:00

Schön bunt: Petra Hermansa (zweite von links) und Julius Zenker (fünfter von rechts) mit den Nachwuchskünstlern. Foto: Markus Niethammer

REUTLINGEN. Die 15 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren kommen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Irak, Iran, Bulgarien und Russland. Auch ein Junge aus Neapel ist dabei. Sie haben sich in weiße Schutzanzüge gezwängt und Atemmasken aufgesetzt, um keine Farbpartikel oder Dämpfe einzuatmen. Auf dem Betonfußboden der ehemaligen Paketpost stehen 100 Spraydosen mit jeweils 400 Milliliter Farbe. »Das wird für die etwa 25 Quadratmeter Wandfläche reichen«, sagt Julius »Jules« Zenker, pädagogischer Mitarbeiter im Jugendhaus Hohbuch.

»Das wird für 25 Quadratmeter Wandfläche reichen«

Der 36-jährige Graffiti-Künstler, der seit 20 Jahren in dieser Kunstrichtung unterwegs ist, hat die Jugendlichen bereits im Oktober des vergangenen Jahres im Haus der Jugend unter seine Fittiche genommen und ist mit ihnen erste Schritte gegangen auf dem Weg zu einem Kunstwerk, das bis Ende dieser Woche in den leer stehenden Räumen der ehemaligen Paketpost entstehen soll. »Jetzt kommt der schönste, der finale Teil«, sagt Julius Zenker

Graffiti-Projekt bringt Farbe in die alte Reutlinger Paketpost

Drei Stunden pro Tag sind die Mädchen und Jungs seit Mittwoch damit beschäftigt, grauen Beton in ein buntes Kunstwerk zu verwandeln. Das tun sie offensichtlich mit Begeisterung, auch wenn der eine oder andere Schutzanzug zwackt, weil er eine Nummer zu klein ist. Mittendrin im künstlerischen Treiben ist Jochen Heid. Der Videojournalist und Mediengestalter dokumentiert die Arbeiten auf Video.

»Die jungen Migranten und Geflüchteten sind auf mich zugekommen mit der Bitte, ein Graffito gestalten zu können«, sagt Petra Hermansa, Vorsitzende der Mediakids. Der jugendkulturelle Verein hat seinen Sitz beim Stadtjugendring im Haus der Jugend in der Museumstraße. Seit über zehn Jahren beschäftigt sich der Verein mit Medienpädagogik. Erste Schritte im Internet, medienkünstlerische Projekte, Workshops für Trickfilme und andere Filmproduktionen werden für die Kinder und Jugendlichen angeboten.

Das transkulturelle Graffitiprojekt in der ehemaligen Paketpost biete den Jugendlichen die Möglichkeit, sich in einer Kunstrichtung auszudrücken, die unabhängig von Kulturen und Nationen weltweit eine eigene Sprache spricht, sagt Projektleiterin Petra Hermansa. »Es ist egal, woher die Jugendlichen kommen. Bei diesem Projekt werden keine kulturellen Grenzen gezogen. Graffiti ist grenzüberschreitend.«

Erste Erfahrungen haben sie im vergangenen Jahr mit Graffitikünstlern an der 150 Meter langen und vier Meter hohen Betonwand in der Sondelfinger Straße hinter dem Gelände der Rohstoff-Verwertung Reutlingen gesammelt. »Wir waren auch in der Hall of Fame unter der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt«, sagt Petra Hermansa. Mit »Hall of Fame« bezeichnen Graffiti-Sprüher eine Wandfläche, auf der sie üben und sich für aufwendige Produktionen Zeit nehmen. Für die Nachwuchs-Sprayer aus dem Haus der Jugend war die Bad Cannstatter Hall of Fame Inspiration und Ansporn.

»Bei diesem Projekt werden keine kulturellen Grenzen gezogen«

Zum Laufen konnte das Graffiti-Projekt der Medienkids aber nur gebracht werden, weil zwei weitere Partner ins Boot gestiegen sind. Zum einen der Verein Bildungszentrum in Migrantenhand (BIM), ein Verbund für bildungsorientierte Migrantenorganisationen in Reutlingen. Der Zusammenschluss von Bildungspartnern vereinigt Ressourcen, um bessere Lebensqualität der Migrantenfamilien in Reutlingen und Umgebung zu erreichen. Bildungsarbeit selbst zu definieren, zu organisieren und zu verwalten ist dabei ebenso zentraler Bestandteil wie das Bestreben, Barrieren zwischen den verschiedenen Migrantengruppen abzubauen.

Unterstützung kommt auch vom Kulturzentrum franz.K. Das soziokulturelle Zentrum Unter den Linden stellt seit fast drei Jahren eine Seitenwand seines Anbaus unreglementiert jedem zur Verfügung, der malend oder sprühend seine künstlerischen Fähigkeiten öffentlich machen will. Diesen drei Projektpartnern zur Seite steht der Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen (NeMO). Er ist einer von 30 Programmpartnern des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgelegten Programms »Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung«, das noch bis 2022 läuft. In dessen Rahmen werden außerschulische Bildungsmaßnahmen im Bereich der kulturellen Bildung gefördert, um bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen Zugangs- und Teilhabemöglichkeiten zu kultureller Bildung zu eröffnen und sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Partner sind Vereine, Verbände und Initiativen, die sich in lokalen Bündnissen für Bildung zusammenschließen. Im Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen haben sich mehr als 700 Migrantenorganisationen in 20 Städten zu herkunfts- und kulturübergreifenden sowie säkularen Verbünden zusammengeschlossen.

(GEA)